Recherche in Soest und Lesung in Stuttgart, 22. bis 25. November 2007



Es ist Donnerstag, 17 Uhr am Nachmittag, noch lache ich, weil ich mich auf ein intensives Wochenende freue und noch nicht verinnerlicht habe ...


... dass meine Fahrt nach Soest, in der Nähe von Dortmund am Hellweg gelegen, eine kleine Weltreise ist - hier beim Umstieg in den nächsten Flieger in Nürnberg.


Und da ich finde, dass auch einmal Beschwerlichkeiten von Lesereisen dokumentiert gehören, hier meine nächste Station: Es ist inzwischen 21.33 Uhr am Flughafen Dortmund, nun warte ich auf den Bus, der mich zum Regionalzug bringt ...


... auf den ich dann eine gute Stunde warte ...


... der dann immerhin nur mehr knapp eine halbe Stunde bis Soest benötigt ...


... das ich schließlich um 23.04 Uhr erreiche. Ich bin also seit Verlassen meiner Wohnung über sechs Stunden lang unterwegs, und dass, obwohl ich geflogen bin.


Doch meine Odyssee ist noch nicht zuende: Da mir die schriftliche Wegbeschreibung unglücklicherweise erklärt, mein Hotel sei in Gehweite des Bahnhofs, marschiere ich los in die Innenstadt von Soest ...


... die dermaßen menschenleer ist, dass ich Mühe habe, jemanden nach dem Weg zu fragen. Und Taxi scheint überhaupt keine Option zu sein. Völlig erschöpft und enerviert (leichte Wut und leichte Hysterie bemerke ich ebenfalls bereits bei mir ;))) erreiche ich schließlich ein halbe Stunde später mein geschlossenes Hotel, an dem ein Zettel für mich hängt ...


... egal - Zeitsprung: Kurz vor Mitternacht schließlich gönne ich mir endlich wohlverdiente Biere. Ich muss mich beruhigen, denn Soest verdient und braucht eine positive Einstellung von mir. Warum?


Tja, ich bin auf Einladung des Krimifestivals "Mord am Hellweg", das alle zwei Jahre und das nächste Mal im Herbst 2008 stattfindet, auf Recherche in Soest, der Stadt, über die ich für dieses Festival eine Kurzgeschichte schreiben soll. Und so beginne ich nach einer geruhsamen Nacht beim Frühstück mit den touristischen Unterlagen, die man mir zugeschickt hat.


Dann starte ich von meinem Hotel aus - das "Pilgrim-Haus" ist das älteste Gasthaus von Westfalen und bewirtet Gäste seit 1304 - meinen Rundgang.


Auch diese Stadt kann Fachwerk voweisen - die vielen Details, die ich zwecks Gedächtnisstütze fotografiert habe, lasse ich aber nun aus.


Blick Richtung Hauptplatz, auf dem gerade der Weihnachtsmarkt aufgebaut wird.


Die "Haverland" - die erste Pumpernicklbäckerei von Soest (seit 1570), eine Spezilaität dieser Stadt.


Das Rathaus aus dem 18. Jahrhundert und
die St. Patrokli aus der Romanik.


Gleich daneben befindet sich die St. Petri, die "Alden Kerke" - denn sie ist die älteste Kirchengründung von Westfalen (8. Jht.).


Neben den steinernen gibt es auch eine gewachsene Sehenswürdigkeit - diese
Rose blüht Ende November!


Und schließlich schaue ich mir noch den alten Stadtwall an, der ehemals mit über 3,8 Kilometer 102 Hektar Altstadt umschloss. Er ist noch zu zwei Dritteln erhalten. Auf ihm steht der Kattenturm, der letzte erhaltene Wehrturm.


Gleich außerhalb von diesem Wall befindet sich das Kulturzentrum "Alter Schlachthof" ...


... wo ich mit meinem "persönlichen Betreuer" Herbert Kanein (er ist Leiter des Zentrums) verabredet bin.


Er führt mich dann durch die berühmten engen Gässchen von Soest (sehr verwirrend, weil kreuz und quer) - berühmt auch wegen der Mauern, die aus Grünsandstein erbaut sind, eine örtliche Besonderheit - zu unserem Treffen mit ...


... einer Dame des Tourismusbüros, die mich/uns professionell durch die Stadt führen soll, mittlerweile im Nieselregen.


Die Dame durchspickt ihren Vortrag mit sehr vielen bekannten Redewendungen, die alle aus dem Mittelalter kommen, wie zum Beispiel "Das geht auf keine Kuhhaut" - ein Spruch, von dem ich dachte, er sei österreichisch, er ist jedoch original aus Soest. Damals muss die mitteleuropäische Sprache noch sehr einheitlich gewesen sein.


Wir bewundern etwa das bekannte "Westfälische Abendmahl" in der St. Maria zur Wiese mit Schinken, Bier und Pumpernickl statt Fladenbrot und Wein.


Wir machen Halt am Großen Teich, wo es noch immer/wieder die "Wippe" gibt, einst ein mittelaterliches Strafinstrument in der Farbe Gelb, jetzt wird sie bei einem großen jährlichen Fest in Soest für nicht viel anderes eingesetzt: Prominente Stadtbürger müssen von ihr aus ins schlammige Wasser, um "Sünden" abzubüßen. Auch Herbert Kanein hatte schon einmal die Ehre ... :)))


Zum Abschluss geht es in die eingangs
erwähnte St. Patrokli, in der auf einer Wandmalerei die Hl. Drei Könige überraschenderweise nicht dunkel-,
sondern weißhäutig sind.


Schließlich habe ich es schon sehr eilig, denn in der "Ritterschen Buchhandlung" Capell ...


... absolvieren Herbet Kanein, Herbert Knorr von "Mord am Hellweg" und ich einen Termin für die regionale Presse.


Dann gibt es in der "Brauerei Zwiebel" ...


... ein wunderbares und sehr üppiges Abendessen. Ich probiere natürlich eine Spezialität der gegend, "Himmel und Hölle", das ist Blunzn (Blutwurst) mit Äpfeln und Gröstl. Im Prinzip.


Abschließend geht es zurück in den "Alten Schlachthof", wo wir mir einer Mitarbeiterin von Herbert Kanein ausführlich die Besonderheiten der Region beplaudern.


Am nächsten Morgen lasse ich mich vor der Weiterreise noch mit dem Taxi durch die "Englische Siedlung" chauffieren ...


... einst nach dem 2. Weltkrieg von den Engländern gebaut, nun ein brandheißes Viertel, bewohnt von Russlanddeutschen und anderen Zuwanderern, deren Jugendliche um Perspektive ringen.


Vom Soester Bahnhof geht es nun ...


... durch den so genannten Ruhrpott ...


... wo auch die berühmten Fußballfans nicht fehlen dürfen.


Die Landschaft fliegt vorbei, die Zeit fliegt ...


... der Kölner Dom fliegt vorbei ...


... bis ich am späten Nachmittag mein nächstes Ziel, Stuttgart, wo ich Lesungseinsatz habe, erreiche; im Bild der Bahnhof aus den Jahren 1914 bis 1927 im Stile der Neuen Sachlichkeit.


Untergebracht sind wir - meine KrimikollegInnen und ich - übrigens alle im "Maritim" - teuer und unglaublich verwinkelt; den Koffer durch die unterirdischen Verbindungsgänge zu schleppen, kommt einem Besuch der Katakomben gleich.


"Stuttgarts lange Kriminacht" findet im Rahmen der Stuttgarter Buchwoche im Haus der Wirtschaft statt.


Meine KollegInnen an diesem Abend sind (rechts von mir) Gunter Gerlach, Susanne Mischke und Oliver Bottini sowie (von rechts)
Gudrun Weitbrecht und Ingrid Noll
(Carsten Sebastian Henn ist nicht im Bild).


Das zahlreich erschienene Publikum hat nun die Aufgabe ...


... sich in einem der sieben dafür vorgesehenen Räumen in diesem riesigen Haus ......


... einem Autor/einer Autorin zu widmen - im Bild Gudrun Weitbrecht.


Susanne Mischke.


Oliver Bottini.


Carsten Sebastian Henn.


Ingrid Noll.


S. N.


Gunther Gerlach.


Die ZuhörerInnen wechseln sechs Mal die Räume, das heißt, wir lesen sieben Mal (immer im selben Raum) ... für jeweils 20 Minuten!


Der Lohn für die Anstrengung - es wird fleißig gekauft.


Wir können uns für diese Leistung auf die Schulter klopfen.


Aber natürlich wird auch gefeiert, wie es sich für KrimiautorInnen gehört :)))


Der nächste Tag stellt für mich eine Herausforderung dar: Mein Flieger geht erst am Abend, Zeit für Sightseeing also. Doch es ist sehr kalt und es regnet. Ich hadere kurz mit meinem Schicksal (Sonne für die letzte Reise dieses Jahres wäre schon nett gewesen) - und nehme dann meinen Koffer in Schlepptau; Stuttgart kann ja nichts für das Wetter ...


Und das Schauen beginnt quasi vor der Tür, denn benachbart zum "Maritime" liegt das "Bosch-Areal". Das ehemalige, gründerzeitliche Fabriksgelände ist nun ein modernes Medienzentrum.


Unweit liegt der Stadtgarten mit der Universitätsbibliothek.


In diesem Stadtgarten liegt auch die Universität (die zwei Türme), 1829 als Technische Hochschule gegründet und zur Zeit Heimat von 14 Fakultäten und etwa 16.000 Studenten.


Etappenziel ist der Hauptbahnhof (1914 bis 1927), wo ich meinen Koffer deponiere ...


... und den Turm mit dem Mercedes-Stern erklimme. Von dort oben ist gut ersichtlich, dass Stuttgart in Weinbergen eingebettet ist - was allerdings an diesem Tag nicht auf Foto zu bannen ist ... :))


Im neben dem Bahnhof liegenden Schlossgarten steht das Schauspielhaus, 1959 bis 1962 von Volkart, Pläckling und Perlia als modernes Theater ohne Ränge erbaut; davor die Stahlplastik "Bewegung" von Bertoni.


Gleich daneben befindet sich das Operhaus von 1912 (Max Littmann), Heimat für Oper und Ballett. .


Den Schlossgarten beherrscht aber natürlich das Neue Schloss (18. Jht.), ehemals Residenz der württembergischen Könige. Heute sind hier Ministerien und Prunkräume der Landesregierung untergebracht.


In Rufweite des Theaterkomplexes mischt sich die Moderne ein - das "Haus der Geschichte", entworfen vom Briten James Stirling.


James Stirling hat auch die anschließende Neue Staatsgalerie entworfen (1977 bis 1984).


Und so ist die Staatsgalerie Stuttgart, eines der bedeutendsten Kunstmuseen Europas, ein eigenwilliger Mix aus drei Epochen, denn die Alte Staatsgalerie aus dem 19. Jht. wurde - zusätzlich zum Neubau Stirlings - 2002 von Wilfried und Katharina Steib erweitert.


Das war es aber noch nicht mit Stirling, denn gemeinsam mit M. Wilford hat er auch die Staatliche Hochschule für Musik entworfen, deren Turm das Stadtbild von Stuttgart prägt.


Hingabe an einen vereinzelten Sonnenstrahl.:)))


Kunst auf der Straße - genau gesagt, auf dem mittigen Grünstreifen einer der beiden Durchzugsstraßen von Stuttgart, der Karl-Adenauer-Straße. Diese Straße verläuft übrigens genau zwischen Schlossbereich und Museumsviertel, was irgendwie unglücklich ist.


Zurück im Schlossgarten, flaniere ich am Landtag vorbei, erbaut 1959 bis 1961.


Auf dem Schlossplatz mache ich eine regenbedingte Pause - und sinniere über (mein) azyklisches Toursimusverhalten, das offensichtlich auch die Besitzer von Kaffeehäusern überfordert, denn weder sind im (!) geöffneten (!) Gastgarten die Heizschwammerln eingeschaltet noch behelligt mich ein Kellner :)))


Asugeruht statte ich dann dem Alten Schloss eine Stippvisite ab - erbaut als Wasserschloss im 13. Jahrhundert mit wunderschönem Renaissance-Innenhof. Es beherbergt das Württtembergische Landesmuseum.


Gleich daneben, am Karlsplatz gelegen, steht die Markthalle, 1912 bis 1914 von Martin Elsaesser im Jugendstill erbaut.


Erneut überquere ich diese - man muss schon sagen - unsägliche Durchzugsstraße, um ins "Bohnenviertel" zu gelangen. Dieses älteste Stuttgarter Viertel wurde nach dem Vorbild der Prager Neustadt im 14. Jahrhundert von Graf Eberhard III. für Handwerker, Weingärtner und Juden gegründet - interessante Mischung.


Eine Handvoll dieser alten Häuser
stehen noch ...


Um die Ecke befindet sich das "Gustav-Siegle-Haus" (1912, Theodor Fischer), das die Philharmoniker beheimatet.


Interessant ist, dass gleich direkt neben
dieser noblen Kulturstätte das Rotlichtviertel
beginnt :))).


Nach dem höchst notwendigen Besuch eines Internetcafés (wann werden endlich die Roaminggebühren in Europa abgeschafft????) ...


... geht es vorbei am "Hegel-Haus" (der Philosoph Friedrich Hegel wurde hier 1770 geboren) ...


... und am "Tagblatt-Turm" (erstes in Sichtbetonweise erstelltes Hochaus
Deutschlands um 1927/28) ...


... über die Calwer Straße (Luxuseinkaufsstraße mit Giebelhäusern aus dem 17./18./19. Jht., sehr nett) ...


... und die Königstraße (DIE Einkaufsstraße Stuttgarts) ...


... zum Marktplatz mit dem Rathaus, das 1953 bis 1956 von Schmohl und Stohrer erbaut worden ist. Und wie man erkennen kann, ist es mittlerweile halb Vier Uhr - bald sehe ich nichts mehr ...


Die Stiftskirche (15./16. Jht.) weist mir
den Weg ...


... zum Schillerplatz (Friedrich Schiller war 1773 bis 1780 Schüler der Hohen Karlsschule in Stuttgart).


Dort steht auch der "Fruchtkasten" (Spätgotik mit Renaissance-Fassade), das einst Lagerhaus für Wein und Korn war und nun Musikinstrumente beherbergt.


All das liegt direkt beim Alten Schloss, dessen Renaissance-Innenhof wir bereits bewundert haben.


Den Abschluss des Ensembles bildet die Alte Kanzlei, ehemals Verwaltungsgebäude des Herzogtums; die Merkursäule im Vordergrund war einst Wasserreservoir.


Zurück auf der Königstraße (dort, wo sie in den Schlossplatz übergeht), steht das Kunstmuseum Stuttgart. Von wem der faszinierende Kubus ist, hat mir der Mini-Reiseführer leider nicht verraten.


Mit dem Königsbau (Passagengebäude von 1860) gegenüber ...


... dem Neuen Schloss beende ich meinen Rundgang.


Als Belohnung für mein Durchhaltevermögen gönne ich mir ein riesiges Steak :)).


Aber noch ist die Warterei nicht vorbei ...


... bis ich schließlich "einsam" die Fahrt zum Flughafen absolvieren kann.


Unter einem stählernen Baum (Dachkonstruktion des Stuttgarter Flughafens) lasse ich schließlich die Reisen des Herbstes Revue passieren - was mich sehr positiv stimmt :))) Welche neuen Eindrücke wird wohl 2008 bringen?
 
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