Franz Schuh:
Liebesgrüße aus Wien

Es ist keine originelle Idee, aber bei mir ist es immerhin eine fixe: Eine Stadt wird erst dadurch zu einer Großstadt, dass in ihr Kriminalromane einen Schauplatz haben! Damit sind wir in Wien, in der, so Helmut Schödel, größten Kleinstadt der Welt. Wie viele Kriminalromane, frage ich, hätte Wien nötig, und wie müssten die sein, damit im 21. Jahrhundert aus Wien wieder eine Großstadt wird?

Jedenfalls griff ich mit solchen Zukunftsfragen zum ersten Kriminalroman von Sabina Naber, der "Die Namensvetterin" (Rotbuch, 18 E) heißt. Aus einer Rezension von Andrea Fischer wusste ich, dieser Roman spielt in Wien. Auch soll er auf doppelte Weise exotisch sein: einerseits, weil er in Wien, und andererseits, weil er in einem exotischen Milieu spielt.

Nun ist Wien in Wien nicht exotisch, es sei denn, man bemüht die einheimische Dialektik, der gemäß in unserer Fremde nicht der Fremde fremd ist, sondern in Wien eben nur die Wienerin und der Wiener. Aber uns Exoten ist ja auch das andere Milieu, das Andrea Fischer unter ihren Exotismus subsumiert, keineswegs fremd, nämlich das Milieu der Swinger-Clubs. In der "Namensvetterin" bekommt die Kommissarin Maria Kouba einen ihrer kleineren Rappel: "Maria war fassungslos. Das ganze nahm ja unerhörte Ausmaße an. Wer alles ging noch in solche Clubs. Anscheinend ganz Wilen."

In Wien heißen übrigens solche Clubs "Paradies" oder ähnlich, während in Berlin ein typischer Club-Name "Triebwerk" lautet. Das sollte zu denken geben und auch, dass in der Literatur der Swinger-Club nicht mehr exotisch ist. Bei Houellebecq hat er eine demokratisierende Funktion: Auch der hässliche Typ kommt im Club an die schöne Frau ran! In Jelineks "Raststätte" hat der Swinger-Club eine moralisch-politische Funktion: Eine Menschheit, die keine moralisch-politischen Ideen mehr hat, setzt auf Lustgewinn, der durch die Körper geht, über die hinaus nichts mehr, oder besser: nur mehr das Nichts existiert.

Und bei Sabina Naber? Bei ihr herrscht die Bereitschaft vor, die Orgie, für die ganz Wien Eintrittsgeld bezahlt, "irgendwie" mit interesselosem Wohlgefallen zu betrachten: "Die Frau mit den beiden Männern saß mittlerweile einem der beiden auf dem Schoß. Ihr Kleid war hochgeschoben, genüsslich rauchte sie eine Zigarette und plauderte mit dem anderen Mann. Der lachte und scherzte mit ihr. Dabei streichelte er seinen Penis, den er als einzigen Körperteil entblößt hatte. Maria veränderte etwas ihre Position und erkannte, dass die Frau den Penis des Mannes, auf dem sie saß, in sich hatte. Die Szene hatte eine Selbstverständlichkeit in sich, die irgendwie schön war."

Damit ist klar, dass Sabina Naber als Krimi-Autorin nicht mein Großstadtspiel spielt, obwohl natürlich Wien prominent vorkommt. In ihrem zweiten Kriminalroman "Der Kreis" (Rotbuch, 19 f) hat des Wieners so genannte "Lunge", der Wiener Wald, Feuer gefangen. Eine Leiche wird beim Oktogon verbrannt gefunden. Das Oktogon ist ein achteckiges, auf die Himmelwiese hingebautes Wirtshaus. Auf der Wiese befindet sich der Lebensbaumkreis, ein Kreis, von Bäumen umhegt: Jedem Lebensalter entspricht ein Baum, also kein schlechtes Symbol für den Tod, besonders für den mörderisch herbeigeführten.

Ach, wer Näheres über diesen Schauplatz wissen will, der besuche die gewiss anspruchsvolle Internet-Adresse? www.himmel.at. Ja, die Religion spielt im "Kreis" eine bewegende Rolle, vor allem die in ihrem Zeichen daherkommenden Abscheulichkeiten: "Angesehene Kirchgänger, die daheim ihre Frau prügeln. Pfarrer, die Geschiedenen die Hostie verweigern und selber die Köchin bumsen, Imternatsleiter, die sich für die körperliche Züchtigung aussprechen, weil sie sich an den nackten Hintern der Kinder aufgeilen."

Religionskritik gehört zum Kriminalroman wie das Amen zum Gebet. Das ist also auch nicht das Spiel, das Sabina Naber als Einzige spielt. Im "Kreis" wird Frau Kouba, die Kommissarin, selbstverständlich wieder verführt, und diesmal nach einem Sado-Maso-Ritual, das sie nachträglich irgendwie nicht so schön findet, vielleicht weil den Ritualen per se die Selbstverständlichkeit fehlt. Ich interessiere mich für Swinger-Clubs, aber auch für die Regeln des Kriminalromans, und Sabina Naber gelingt es, pornografische Darstellungen so einzusetzen, dass sie den Kriminalroman nicht aus der Balance bringen. Ihre Bücher haben mich in meine Kindheit zurückversetzt, in meine schwere Pubertät, da ich ganze Bibliotheken nach "Stellen" durchsuchte. Aber andererseits verletzt die Autorin auf eine bemerkenswerte Weise die Regeln des Kriminalromans: Ihre Heldin ist nicht souverän, auch nicht souverän im Nicht-Souverän-Sein; sie ist in Philipp Roth, ihren Kollegen, verliebt, und so spielt bei allen Ermittlungen die Unsicherheit einer nichtabsolvierten Liebesbeziehung eine Rolle.

Im "Kreis" ist davon die Rede, wie die Kommissarin seinerzeit im Club nicht mehr anders konnte und ihrem Kollegen in den Schritt griff. Das hätte Folgen haben können, disziplinarrechtliche, heißt es im "Kreis". Ich kann mich nicht erinnern, dass so etwas jemals in einem als Kriminalroman noch glaubwürdigen Text gestanden hat.
Literaturen 12112003
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