Lesung auf der Tagung des Dachverbandes für Glücksspielsucht in Berlin

von 30. November bis 3. Dezember 2011



Die Naber entspannt am Flughafen einen Kaffee schlürfend - kein häufiger Anblick :) Grund ist die späte Abflugszeit (10.50 Uhr) und der Grund des Fluges ...


... denn es geht wieder einmal in mein liebes Berlin zu einem Arbeitstermin (Lesung auf der Tagung des Fachverbandes für Glücksspielsucht), der darüber hinaus ein Kurzurlaub ist.


Und so freue ich mich natürlich extrem über die Sonne bei der Landung in Tegel - und sofort werde ich sentimental. Es kann gut sein, dass ich an diesem Ort das letzte Mal Berlin betrete, denn der neue Flughafen soll ja bald fertig sein.


Mein Quartier liegt in Wien Mitte/Oranienburger Tor, also unweit vom Alexanderplatz (der Turm ist in der Ferne zu erkennen :)), und zwar an der unterschwellig spürbaren Grenze ...


... von trendigem Hype-Grätzel ...


... zu noch nicht beim Wohlstand angekommen.


Mein Hotel - das Aquino, ein Kongresshotel, geführt von der Katholischen Kirche. Wo man so landet im Lauf seines Lebens ... :))


Was für ein passender Blick aus dem Zimmer einer Krimiautorin: Neben dem Hotel liegt der Friedhof der Dorotheenstädtischen und Friedrichswerderschen Gemeinden. Er ist komplett denkmalgeschützt wegen seiner Bildhauerarbeiten aus dem 19. Jht. Und es liegen zahlreiche bekannte Persönlichkeiten dort begraben, u.a. Helene Weigel und Berthold Brecht ...


... deren Gedenkstätte/Museum sich gleich neben dem Friedhof auf der Chausseestraße befindet.


Aber ich begebe mich in die U-Bahn, wo ich in einem der Übergänge diese interessante und schöne Auslagengestaltung entdecke (ist ein Gewandgeschäft) - das fasziniert mich in Berlin, siehe auch meine Eindrücke von der September-Reise.


Mein tatsächliches Ziel ...


... der Potsdamer Platz mit dem (re.) Kollhoff-Tower ...


... denn auf dem Flughafen hat mich
ein Flyer mit Gutschein auf die Idee gebracht ...


... Berlin einmal so richtig touristisch kennenzulernen (im Bild der Kollhoff-
Tower innen) ...


... und so fahre ich mit dem schnellsten
Aufzug Europas (8,5 Meter/Sekunde) ...


... zum Panoramapunkt (hier bin ich in der NO-Spitze des Gebäudes).


Aber nicht nur die dreieckige Struktur des Gebäudes ist erlebenswert ...


... sondern auch die Aussicht - hier Richtung Osten/Alex.


Nach dem Besuch der wirklich informativen Ausstellung über den Potsdamer Platz und Kaffee in einem Pseudoabendrot ...


... schlendere ich am Legoland vorbei
(unfassbar teurer Eintritt, der mein
Interesse schlagartig versiegen ließ) ...


... ins Sony-Center. Ich erinnere mich, dass es das erste war, was ich einst in Berlin kennengelernt habe, als ich hier 2000 einen Drehbuchkurs besucht habe. Damals stand es einsam in einer unbebauten Wüste.


Heute ist es eine Kino- ...


... und Fortgehmeile.


Mittendrin das Weinhaus Huth, das
durch den Mauerbau Berühmtheit erlangt
hat, weil es als einziges Gebäude aus
dem alten Berlin auf dem leeren Platz
stehenblieb.


Kann man sich jetzt fast nicht mehr vorstellen, dass hier bis vor 12 Jahren einfach nichts war.


Heute gibts dort auch einen Weihnachtsmarkt mit einem Österreich-Haus (man beachte das Republikschild unter dem Giebels!) ...


... und einer von der Schiregion Saalbach gesponserten Rodelbahn.


Ich dachte, das sei der größte Ausbund
an Kitsch ...


... worauf ich mir gleich Fisch als Jause gönnte; ein bisschen was Nördliches. Aber ich sollte mich geirrt haben, den wahren Kitsch durfte ich erst am nächsten Tag kennenlernen.


Um die Ecke am Leipziger Platz ist auch
das Dali-Museum: leider nicht empfehlenswert, weil teuer und ohne extra zu zahlenden Guide völlig informationslos.


Den Abschluss findet der Tag in der Neuen Odessa-Bar in der Torstraße (Mitte), die fast schon so etwas wie meine Stammbeisl in Berlin ist. Einst wurde sie mir von meiner lieben Kollegin Elisabeth Herrmann gezeigt, weil man hier rauchen darf.


Aber heute treffe ich meinen lieben Uraltfreund Gerhard Vondruska, der 1990 von Wien nach Berlin emigirierte. Er ist nicht nur Schauspieler und Profi-Menuett-Tänzer, sondern auch Fremdenführer. Mit ihm habe ich über die Jahre Berlin kennengelernt, ausgehend vom Prenzlauer Berg, in dessen Nähe er wohnt. Und mit der etwas schrägen Veränderung, die dieses Grätzel vollzogen hat, hat auch sein vorgezogenes Geburtstageschenk für mich zu tun: "Lassen Sie mich durch, ich bin Mutter" von Anna Maier, über die Latte Macchiato-Mütter und Schicki-Micki-Öko-Bewohner der Gegend :))) Ähnliches habe ich in meiner Geschichte Affaire beendet für die Antho "I hate Berlin" beschrieben.


Der nächste Tag gehört ganz dem beruflichen Zweck, weswegen ich nach Berlin gekommen bin: der Jahrestagung des Fachverbandes für Glücksspielsucht. Er startet mit einer Pressekonferenz der Spezialisten Prof. Dr. Michael Adams von der Universität Hamburg, Ilona Fürchtenschnieder-Petry (die mich als Vorsitzende zu diesem Kongress eingeladen hat) und Prof. Dr. Gerhard Meyer von der Universität Bremen.


Dann strömen die TeilnehmerInnen hinzu - hier das Foyer/der Pausenraum. Und ich muss sagen, wenn bei allen Kongressen die Verpflegung so gut ist wie bei diesem, wundert mich es nicht, dass Menschen so gern auf Reisen gehen :))))


Der übervolle Büchertisch, wo auch schon mein Roman bereit liegt.


Dann folgt ein spannender wirklich Vortragstag ...


... den ich mit meiner Lesung aus "Die Spielmacher" abschließen darf. Es war ein eigenes Erlebnis, vor Menschen zu lesen, die nur allzugenau wissen, wovon ich erzähle.


Und weil wir nicht und nicht auseinandergehen wollten, durften wir den "Partykeller" des Hotels entern. Der Kellner hat uns einfach die Getränke hingestellt und gebeten, das Geld in die Schale zu legen. Er würde jetzt schlafen gehen ... :))).


Dementsprechend deftig fällt das Frühstück am nächsten Tag aus :))).


Nach weiteren Berichten und Vorträgen (es haben zum Beispiel auch Ex-Spieler von ihren Schwierigkeiten nach dem Entzug im Alltag erzählt) ...


... erwartet mich nach Kongressende Regen. Ich will hier noch eineinhalb Tage Urlaub machen! Aber eine Hardcore-Touristin lässt sich nicht unterkriegen, und so marschiere ich die Friedrichstraße hinunter Richtung Unter den Linden ...


... passiere das Ullstein-Verlagshaus
(in so einem Gebäude lässt es sich arbeiten!) ...


... das gegenüber der Rückseite des
bekannten Kulturzentrums Tacheles liegt.


Ich komme natürlich auch am berühmten Friedrichstadtpalast vorbei - noch nie habe ich dort eine Show gesehen. Tja, irgendwann vielleicht einmal ....


Eine Hardcore-Touristin strahlt auch bei Regen, wenn sie den Blick auf Spree und Fernsehturm hat!!


Die Friedrichstraße - seit langem eine relativ luxoriöse Einkaufsmeile.


Flaniermeile "Unter den Linden" ...


... mit Flagship-Stores ...


... Erinnerungen an alte Zeiten (Aeroflot-Gebäude im Hintergrund in an bester Stelle) ...


... Vermarktung dieser Zeiten ...


... und dem berühmten Café Einstein.


Dort treffe ich meine liebe langjährige und oftmalige Lektorin Lisa Kuppler, um Projekte und natürlich die Szene zu besprechen :)).


Danach geht's in nächtliche und weihnachtliche Berlin - beides (Dunkelheit und X-Mas) bekommt an diesem Abend noch Bedeutung!


Zuerst geht es mit der S-Bahn Richtung Osten - vorbei an irritierend vielen Vergnügungsparks; dazu später mehr.


Ausstieg am Ostbahnhof, wo rundherum ...


... nur Verkehr, Verkehr, Verkehr und sonst nicht viel ist.


Notgedrungen esse ich im Bahnhof bei einem Kebabstand, der aber überraschend gute Qualität bietet und auch extrem sauber wirkt. Ich weiß dabei nicht, dass diese Erfahrung für mich ein knappe Stunde später noch eine Bedeutung haben wird.


Doch nun zu meinem eigentlich Ziel, dem unweit gelegenen Radialsystem V - Space for arts and ideas, wie sich der Kulturplatz selbst definiert.


Denn dort startet eine Führung von Gehörte Stadt, wo man mit persönlichem Führer und Augenbinde eine gute Stunde durch die Gegend geführt wird.


Danach wird darüber geplaudert. Für mich das Faszinierendste war, dass diese Gegend unglaublich sauber gerochen hat - keine Kot-, Urin-, Kebab- oder sonstige starke Gerüche. Wir waren auch im Ostbahnhof (siehe oben), und das einzige, was ich neben dem Geruch von Putzmittel wahrnahm, war das Parfum einer Passantin. Prädikat: empfehlenswert; auch wenn ich es mir schlimmer und aufregender vorgestellt hatte.


Danach gönne ich mir einen langen Fußmarsch zurück zum Alexanderplatz - vorbei an vielen, vielen Ost-Wohnbauten, die aber mittlerweile alle fassadenmäßig behübscht sind.


Und damit lande ich beim wahrhaftigen Schockerlebnis des Abends: einer der (ich glaube, denn es ist einer in den anderen übergegangen) drei Weihnachtsmärkte im Bereich des Fernsehturmes.


Mit Lachkabinett, Go-Kart, Geisterbahn, Schießbuden, Hochschaubahn, etc. etc. ...


... und Ringelspiel sowie ...


... (immerhin) Glühwein anstatt von Bier ...


... aber doch nichts anderes als der Prater
oder sonst ein Vergnügungspark. Das soll Weihnachten sein? Nur ein Ausrutscher?


Im benachbarten Kaufhaus der typische US-Weihnachtskegel ... ähm, -baum.


Der Platz beim Turm wirkt nach all dem beinahe idyllisch, mit seinen temporären (neben dem fixen Casino) Spielhallen und seinen Saufbuden, die wie Après-Ski-Hütten in den Bergen gestaltet sind ...


... und auch entsprechende Schlager-
und Umtata-Musik spielen.


Fassungslos und auch ein bisschen gerädert flüchte ich in die Seitengassen Richtung Mitte und gelange zur ruhigen Weinmeisterstraße, in der ich ja bei meinem Aufenthalt im September gewohnt habe. Es ist auch ein Viertel mit Lokalen, wirkt aber nun beinahe ausgestorben auf mich. Naja, vielleicht sind ja alle Glühweintrinken ...


... was ich sicher nicht mache. Ich konnte diesem Kult (sich in die Kälte stellen, um etwas Warmes zu trinken, damit einem warm wird) noch nie etwas abgewinnen. Ich ziehe mich lieber mit Buch und Bier ins Neue Odessa zurück.


Am nächsten Tag mache ich eine lange, lange Straßenbahnfahrt mit der M6, denn ich habe etwas Besonderes vor.


Es geht wieder einmal in den tiefen Osten, und zwar eine gute halbe Stunde ...


... zur relativ einsam inmitten von Wohnblöcken gelegenen Station Genslerstraße.


Und die liegt im Viertel Hohenschönhausen. Hier ...


... ein paar ...


... Eindrücke.


Als es einfamilienhäusig wird, komme ich unwissentlich meinem Ziel näher - denn das muss ich mangels Hinweistafeln mittels Gefühl und einer ungefähren Beschreibung auf der Homepage suchen und suchen ...


Es handelt sich um die Gedenkstätte Hohenschönhausen, DEM Untersuchungsgefängnis der Stasi.


Als solches ist es jetzt bekannt, zuvor benützten es aber auch schon andere wie die Russen (hier ein Modell).


Ich muss auf die Führung warten (alleine geht da gar nichts zu besichtigen), und so beglücke ich gleich den Bücherladen, um mich in die Thematik einzulesen - hier der diesbezügliche Roman "Krokodil im Nacken" von Klaus Kordon.


Durch das Gefängnistor ...


... zur allgemeinen Einführung; das Besondere ist, dass ehemalige Insassen die Führer sind. Sie erzählen auch von ihren eigenen Erfahrungen.


Ohne Worte.


Von außen wirkt es gar nicht so weitläufig wie jetzt von innen.


War der Strauch damals auch schon da?


Jetzt geht es in den nächststufigen Sicherheitsbereich.


Man beachte erstens das Mahnmal in der Mitte für die Opfer des Kommunismus und zweitens die Fenster links, die alle aus Sicherheitsgründen nur Glasziegel statt Scheiben hatten.


Ab in den Untergrund - ins sogenannte U-Boot ...


... dem Kellergefängnis, das (zuerst von den Russen) bis in die 60er-Jahre verwendet wurde.


In solchen Zellen (Originalausstattung!!!) mussten bis zu 20 Menschen dahinvegetieren. Es gab zusätzlich noch einen Kübel mit Wasser und einen Kübel als Abort. Tagsüber durfte man sich nicht auf die Pritsche setzen.


Eine Kammer zur Wasserfolter à la China.


Eine Metallkammer.


Im nächsten Trakt ist von außen (Luke
unteres Drittel) die Luftzufuhr ...


... zur Dunkel-Gummizelle erkennbar,
hier von innen.


Ansonsten erwarten uns jetzt aber beinahe freundliche Verwahrstellen, körperliche Folter gab es offiziell nicht mehr ab Mitte der 60er, nur mehr Psychoterror.


Die Überwachungszentrale.


Dann die Zelle, in der unser Führer ...


... Dieter Drewitz eingesperrt war. Er hat über seine Gefängniszeit das Buch "Kennwort Alpenveilchen" geschrieben; sehr spannend.


Das Zellenfenster.


Seine Zellennummer.


Alles noch original aus dieser Zeit, auch
der Bodenbelag.


Ein Verhörzimmer.


Das Ampelsystem - kein Gefangener durfte einem anderen begegnen.


Die Notrufleine, falls ein Wachbeamter angegriffen wird.


Gefangene wurden übrigens in blickdichten Wagen ...


... ins Gefängnis gebracht, und zwar direkt in eine Garage, sodass sie nie wussten, wo sie sich genau befanden.


Un der Hofgang war nicht mehr als das
- zwei mal vier Meter.


Im Laufe der Führung erfahre ich übrigens auch, warum ich beim Hinweg keine Hinweisschilder entdecken konnte: Das Gebiet rund um das Gefängnis, das ehemalige Sperrgebiet (das übrigens in keiner Berliner Karte eingezeichnet war), war einst von den Stasi-Leuten bewohnt - und sehr viele wohnen noch immer hier; und verhindern die Aufarbeitung mit einem Kleinkrieg.


Ich muss sagen, der Besuch hat mich schwer beeindruckt. Emotion ruft auch der inzwischen strömende Regen in mir hervor. Schade.


So bleibt mir nur ein gutes Mittagessen in einem der vielen Asiaten von Berlin ...


... und der umgehende Aufbruch zum Flughafen Tegel - zum Glück habe ich mich mit Büchern eingedeckt.


Es war ein unglaublicher spannender Aufenthalt in Berlin. Jetzt kenne ich die Stadt schon so gut und entdecke noch immer etwas Neues. Was wird es das nächste Mal sein?
 
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